Evangelische Kirche Mittelheim

videoFür Zuhause!     

Eine Kirchenerkundung zum 50-jährigen Jubiläum

Unten, vom Rhein aus, sind sie zu sehen: die Kirche und das Pfarrhaus. Ein kühner, provokanter Entwurf ist das Ensemble. Wie muss die Kirche vor 50 Jahren ausgesehen haben, nackt und ungeschützt mitten in den Weinbergen stehend? Heute ist sie von hohen Bäumen, die sie überragen, fast verdeckt. Unter ihnen ist auch ein großer Götterbaum. Was sich der Pflanzer dabei wohl dachte? Der Kirchturm, der wie ein südländischer Campanile vom Kirchenschiff etwas abgerückt steht, ist bis hinauf zum Kreuz von wildem Wein eingehüllt. Von der Rheingaustraße trennt eine Mauer auf Brusthöhe das Kirchengrundstück von der Strasse. Schreitet man hinter die Mauer, so betritt man einen Vorhof.

 
FensterfrontAm ersten Advent haben wir hier einmal den Gottesdienst begonnen. Wir haben "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit" gesungen, ehe wir durch die Kirchentüren in den Gottesdienstraum traten.

Kaum ist die Tür zur Kirche durchschritten, geht der Blick hinaus auf den Rhein. Durch Fenster und Bäume hindurch sieht man den Strom silbern schimmern. Nicht auf Altar oder Kanzel wird der Blick gelenkt, sondern hinaus auf die Welt, auf das, was außerhalb der Kirche liegt. "Was für eine Freiheit liegt in dieser Kirche!", sagte mir einmal ein Besucher. Hier wird keine Aufmerksamkeit gelenkt, keine Konzentration eingefordert. Der Gottesdienstbesucher kann selber bestimmen, wie er das Geschehen am Altar und die Worte von der Kanzel mit der Welt verbindet, die sich vor seinen Blicken ausbreitet.

In die Fensterfront sind in Beton gesetzte Glaselemente eingefügt. Die Blautöne verweisen auf den Himmel, den wir sehen können. Das Gelb steht für Gold - es verweist auf den Himmel, der kommt.

Keine feste Bestuhlung schränkt die Freiheit dieser Kirche ein. Auf dem Kreuzweg der Konfirmanden und Konfirmandinnen machen wir uns auf den Weg und durchschreiten als wanderndes Gottesvolk den Kirchenraum von Station zu Station. Der Raum reizt dazu mit ihm zu spielen. Wie wäre der Gottesdienstraum ganz ohne Stühle? Vielleicht zu einer Thomasmesse? Neue Perspektiven öffnen sich.

Aus diesen Gedankenspielen herausgerissen richten wir den Blick jetzt nach vorne und wir sehen hinter dem Altar ein Stahlkreuz, das hoch emporr- agt. Die drei Kreuze auf Golgatha, das Kreuz Jesu und das der beiden Verbrecher, die zu seiner Linken und zu seiner Rechten gekreuzigt wurden, sind ineinander gerückt. Ein Kreuzbalken ragt nach vorne in den Gottesdienstraum wie ein Galgen hinein. Dieses Galgenkreuz erinnert uns daran, dass Jesus einen Verbrechertod gestorben ist. Anstössig ist das Kreuz, anstößig ist das, was auf Golgatha geschehen ist. Anstössig ist, dass das Kreuz leer ist. Jesus Christus ist auferstanden, er ist zum Himmel aufgefahren. Er ist nicht mehr bei uns. Wir warten darauf, dass er wiederkommt. Diese Leere auszuhalten, fällt schwer. Vor 50 Jahren war es jedoch so: das Galgenkreuz vor einer leeren, weißen Altarwand.Altar

Der horror vacui, die Angst vor der Leere, ließ die Gemeinde vor 20 Jahren ein Altarbild aus Keramik anbringen (Die Wandkeramik). Kornähren und Weintrauben verweisen auf die Schöpfung und zugleich auf das Abendmahl. Aus dem Weinstock wächst jetzt das Galgenkreuz empor, denn auch der Weinstock ist Symbol für Jesus Christus: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben." (Johannes 15,5). Eine strahlende Dornenkrone mit feurigen Flammen verweist auf das jüngste Gericht und das Vergehen dieser Welt. "Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. " (Markus 13,31). Auf die Beständigkeit des Wortes Gottes und die Zuverlässigkeit von Gottes Handeln verweisen die Gesetzestafeln am rechten Rand.

TaufbeckenDer Altar unter Kreuz und Altarbild ist ein mensa-Altar, das heißt, es ist ein Altar, der ein Tisch ist. Es ist der Abendmahlstisch. An ihn lädt Christus ein und um ihn herum versammelt sich die Gemeinde der Getauften zu seinem Mahl. Links vom Altar steht das Taufbecken. In der Taufe werden wir einmal in die Kirche und die Gemeinschaft mit Jesus Christus aufgenommen. Im Abendmahl lässt uns Jesus immer wieder von neuem die Gemeinschaft mit ihm und untereinander erfahren. Rechts vom Altar steht die Kanzel. Im Abendmahl und in der Taufe erfahren wir die gute Nachricht mit unseren Sinnen. Wasser, Wein und Brot sind fühlbare, tastbare, schmeckbare Symbole. Von der Kanzel, in der Predigt erreicht das Wort Gottes unseren Verstand. Die evangelische Kirche ist eine Kirche des Wortes, sie ist eine Predigtkirche. Gleichberechtigt stehen die Sakramente, Taufe und Abendmahl, und die Verkündigung, die Predigt, nebeneinander. Das kommt im Altarraum in der Dreiheit Taufbecken, Altar und Kanzel zum Ausdruck.

An Kanzel und Altar markieren die Paramente, das sind der Altar- und Kanzelbehang, deutlich sichtbar das Kirchenjahr:

- weiß für die Christusfeste, Weihnachten und Ostern

- violett für die Bußzeiten im Advent und während der Passionszeit

- rot, die Farbe des Heiligen Geistes, für Pfingsten und für Feste der Kirche

- grün für die festlosen Zeiten des Wachsens und Reifens an den Trinitatissonntagen.

Drehen wir uns jetzt um. An der Rückwand der Kirche sehen wir links von der Orgel das Kinderkirchenkreuz. Darunter stehen ein kleiner Tisch, Kinderstühle und eine Box voller Kinderbibeln: Kinder sind bei uns willkommen! Einmal im Monat wird die Kirche zur Kinderkirche.
Orgel
Die Orgel schließlich erinnert uns daran, dass mit dem Orgelspiel jeder Gottesdienst beginnt und endet. Die Orgel begleitet uns auf dem Weg von der Welt in die Kirche hinein und wieder hinaus aus dem Gottesdienst.

Wenden wir uns nun, aus dem Gottesdienstraum kommend, nach rechts. Links führt das neu erbaute Treppenhaus hoch auf die Empore. Wir gehen weiter zu dem neuen Raum vor der Sakristei. Hier halten die Pfarrer und die Kirchenvorsteher inne und beten, bevor der Gottesdienst beginnt. Kleine Gruppen, wie die Gemeindebriefredaktion oder der Festausschuss treffen sich hier. Auch eine sakrale Aura kann dieser Raum haben: Während der Passionszeit feiern wir hier unter der Woche die Andacht.

Gehen wir jetzt die Treppe hinab zu unserem Gemeindesaal. Bevor wir zu ihm kommen, passieren wir den Kicker und linkerhand die Küche. Hier wird das Osterfrühstück und die Erntedanksuppe vorbereitet, der Kuchen für die Senioren geschnitten oder bei der Übernachtung der Konfirmanden Pizza gebacken. Nach Großeinsätzen, wenn alles wieder an seinem Platz ist und die feuchten Geschirrtücher aus der Hand gelegt sind, knallt hier traditionell der Sektkorken.

Jetzt aber endlich hinein in den Gemeindesaal, hier schlägt das Herz der Gemeinde während der Woche. In hellen Gelbtönen ist der große Saal gestrichen. Er ist Wohnzimmer, Arbeitsraum und Festsaal der Gemeinde. Hier darf es gemütlich sein, hier sollen wir uns wohl fühlen. Tische und Stühle können aufgestellt werden zum Arbeiten oder zum Essen, Trinken und Feiern. Etwas abgetrennt stehen Sofas, Sessel und tiefe Tische. An der Wand hängen Kinderzeichnungen und Plakate der Jugendlichen. Eine Leinwand kann abgelassen werden. Aber auch hier zeigt das große Holzkreuz - es ist das alte Kreuz aus dem Oestricher Betsaal - und die Holzschnitte zum Leben Jesu von Degenhard Symanzik an, das wir Gemeinde Jesu Christi sind.

Am Morgen krabbeln und wuseln kleine Kinder durch den Saal oder Frauen machen Yogaübungen. Nachmittags findet hier der Konfirmandenunterricht statt. Die Frauenhilfe trifft sich in der links gelegenen Sitzgruppe. Die Senioren trinken Kaffee miteinander, hören Vorträge oder machen Spiele. Dann kommt die Jugendgruppe. Die Korsikafahne an der Wand kündet noch von vergangenen Ereignissen. Doch nicht mehr lange! Bald werden die Jugendli chen im Bauwagen nur ein paar Schritte nach draußen in den Garten ihre eigenen vier Wände haben. Denn so schön unser großer Saal ist; sein Nachteil ist, dass uns Gruppenräume fehlen. Abends tagt dann hier der Kirchenvorstand, das Leitungsgremium der Gemeinde. Dienstags bastelt der Kreativkreis, donnerstags trifft sich die Frauengruppe und am Samstagmorgen werden Tische aufgestellt und eingedeckt für das Frauenfrühstück. Hier ist auch der Ort für Vorträge, Gesprächskreise, Konfirmandenelternabende und Vorbereitungstreffen für die Silbernen Konfirmanden.Gemeinderaum

Durch die Glastür treten wir hinaus in den Garten — ein Ort für heiße Sommernachmittage oder abendliche Grillfeste. Durch die hohen Bäume schimmert der nahe Rhein hindurch, Schiffe ziehen vorbei. Schließlich steigen wir die lange Außentreppe hinauf, überqueren den Parkplatz und sind wieder bei unserem Ausgangspunkt.


Kirche der Freiheit - eine Kirche, die sich den Weinbergen und dem Rhein öffnet; eine Kirche, die sich der Welt öffnet. Evangelisches Christsein ist kein Christsein, das sich in eine Nische, in einen geschützten Raum zurückzieht. Nein! Wie unser Kirchengebäude wollen wir weltoffen sein, mitten im Leben, umflossen von den Verkehrsadern Rhein, Bahnstrecke und Bundesstrasse. Wir wollen uns nicht verstecken und abschotten, sondern wir wollen sein wie „eine Stadt auf dem Berge“ und „wie der Leuchter, der auf einem Scheffel steht“ (Matthäus 5,14f) Kirche der Freiheit - eine Kirche für den Sonntag und für den Werktag. Eine Kirche, in der am Sonntag im Gottesdienst die Gemeinde als Leib Christi zusammenkommt und in der sie in der Woche lebt und pulsiert.