Dekanat Rheingau-Taunus feiert auf Schloss Vollrads

Wiesbadener Kurier vom 19.07.2016 - von Carolin Strohbehn

RHEINGAU-TAUNUS - Das neu gegründete evangelische Dekanat Rheingau-Taunus hat am Sonntag ein Sommerfest auf Schloss Vollrads gefeiert. Zum 1. Januar ist es durch eine Zusammenlegung der Dekanate Idstein und Bad Schwalbach entstanden. Aus Anlass des Neubeginns wurde im Privatgarten von Schloss Vollrads gefeiert.

Das Fest stand unter dem Motto „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ – ein Bibelzitat aus Psalm 31. „Das neue Dekanat ist in der Tat ein weiter Raum“, sagte Dr. Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Mit 800 Quadratkilometern dürfte es sogar eines der größten in der EKHN sein. In dem Gebiet gibt es 53 000 Gemeindemitglieder in rund 50 Gemeinden und 500 hauptberufliche Mitarbeiter. „Da kann man wirklich von Weite reden.“

Stellungnahme zu Skepsis der Kirchenangehörigen

Dr.Jung web C.Weise 01Jung nahm in seiner Rede auch zu der Skepsis vieler Kirchenangehörigen Stellung: Viele befürchten, dass in einem so großen Gebiet keine eigene Identität mehr ausgeprägt werden könne und es für eine gute Organisation zu groß sei. „Ich möchte überhaupt nichts schön reden“, sagte Jung. Es mache Mühe zwei Dekanate zusammenzuführen, aber sie könnten an viele Jahre guter gemeinsamer Arbeit anknüpfen.

Zudem betonte er in seinem Grußwort, dass die Zusammenlegung auf menschlichen Entscheidungen beruht und nicht als himmlische Weisung zu verstehen sei. „Wir brauchen arbeitsfähige Strukturen – gerade dann, wenn wir weniger werden. Wir versuchen zu strukturieren und zu organisieren. Wir folgen dabei keiner himmlischen Offenbarung, aber wir bitten um den Beistand Gottes bei unseren Entscheidungen – damit er etwas Gutes daraus werden lässt“, bemerkte der Kirchenpräsident in seinem Grußwort.

Das Psalmwort ginge aber auch weiter und nehme den Menschen in Not in den Blick. In dem neuen Dekanat wäre die Hilfe am Menschen trotz der organisatorischen Umstellung lobenswert. „Es gibt ökumenisches Engagement und wirklich viel Diakonie, weil die Menschen verstanden haben, dass der Glaube nicht bei sich selbst bleiben kann, sondern wahrnimmt, wenn Menschen Hilfe brauchen“, sagte Jung. Im letzten Jahr habe sich dies besonders in der Flüchtlingsarbeit gezeigt.

Gemeinden gestalten Zukunft gemeinsam

Dekan Klaus Schmid begrüßte die Gäste auf der Bühne des Schlossgartens, indem er auch auf das Psalmwort einging. „Das klingt nach Aufbruchstimmung, nach neuen Möglichkeiten und natürlich nach Weite.“ Die letzten Monate habe er positiv wahrgenommen. „Ich erlebe viel Schwung und Lust auf die Zukunft. Und eine Neugier auf die Schätze des bisher jeweiligen Nachbarn. Endlich ist der lange Prozess der Vorbereitung vorbei.“ Er gehe mit viel Arbeit und genauso viel Freude in die Zukunft und freue sich auf das, was die Gemeinden gemeinsam als Kirche gestalten dürfen.

Im Mittelpunkt des Festes stand der Auftritt der Band Habakuk unter der Leitung von Pfarrer Eugen Eckert. Die Band spielt neue geistliche Lieder und wurde bereits 1975 auf dem evangelischen Kirchentag in Frankfurt gegründet.

Über das Sterben reden

2015/in ad astra /von webredaktion

20160113 ueber das sterben reden01

Der Mensch kümmert sich zunehmend selbst um gutes Altern und Sterben. Für Andreas Heller ist da eine Revolution im Gange. Er ist erster Professor für Palliative Care und Organisations-Ethik in Europa und leitet das gleichnamige Institut am IFF Wien. Gemeinsam mit seinen vierzehn KollegInnen unterhält er zahlreiche partizipative Forschungsprojekte, vorwiegend in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Eines davon findet derzeit in Rüdesheim am Rhein statt.

Herr Heller, Sie haben in Rüdesheim mit dem dortigen Hospizverein, anderen karitativ-diakonischen Einrichtungen und den Kommunen ein Projekt zur Verbesserung des Sorgealltags gestartet. Wie und wohin soll es wirken? Der genaue Titel lautet „Sorge tragen – mit und für alte Menschen im Rheingau“,
es soll also in die ganze Region wirken. Dort leben etwa 160.000 Menschen, und es sind viele alte darunter, die oft noch zusätzlich Sorge- und Pflegetätigkeiten haben. Wir wissen von deren wachsender Einsamkeit. Ihre sozialen Bezugskreise zerbrechen, und sie sind reduziert darauf, den Alltag zu stabilisieren. Wir wollen sie aus dieser Isolation herausführen, und zwar durch aktive Beteiligung von möglichst vielen Menschen aus der Umgebung, und ihnen Unterstützung und Vernetzung ermöglichen.

Das beginnt mit Gesprächen, bei denen die Menschen ihre „Sorgen auf den Tisch legen“ können?
An „Runden Tischen“ finden sich alte Menschen, pflegende Angehörige sowie die MitarbeiterInnen von Pflegediensten und den örtlichen Einrichtungen zusammen. Wichtig für alle ist das Gespräch auf gleicher Augenhöhe. Für die Betroffenen ist es oft schwierig, die existenziellen Sorgen zu thematisieren. Eine moderierende Begleitung hilft ihnen dabei. Wir vom Institut steuern die Prozesse und entwickeln Materialien, die multiplikationsfähig sind. Ziel ist, dass sich „ganz Mitteleuropa“ an solche Runde Tische setzt und in der Folge auch hier viele „Caring Communities“ entstehen. In England wird schon länger und erfolgreich an der Etablierung von „Compassionate Cities“ und „Caring Communities“ gearbeitet.

Sind die Menschen denn bereit, sich ganz konkret mit dem Sterben auseinanderzusetzen?
Die Babyboomer der 1950er und 1960er Jahrgänge haben – im Gegensatz zu ihren Eltern – eine völlig andere Erwartung an ihr Sterben. Sie wollen so lange wie möglich autonom bleiben. Wenn das nicht mehr geht, sind sie eher bereit, das Sterben zu beschleunigen, als sich in institutionalisierte Abhängigkeit zu begeben, am wenigsten wollen sie ins Krankenhaus. Nur ein Prozent der Deutschen will im Krankenhaus sterben. Auch die virulente Suizidassistenzdebatte ist Ausdruck dieses Kulturwandels. Die Menschen wollen dies selbst in die Hand nehmen und sehen sich in der letzten Phase immer weniger als nur dem Arzt ausgelieferte Patienten.

Was behindert diese Entwicklung?
Wir haben in Österreich und Deutschland eine extreme Bettenlastigkeit und Krankenhauszentrierung. Wir schaffen es nicht in angemessener Weise, die Ambulantisierung der Versorgung am Lebensende zu organisieren. Das hat stark mit lobbyistischen Interessen zu tun, v. a. der Medizin und der Pharmaindustrie. Die Professionellen sind überfordert, und die Wenigsten haben gelernt, sich interdisziplinär zu verständigen.

An den auch von Ihrem Institut wissenschaftlich begleiteten Palliativstationen und Hospizen wird doch gute Arbeit geleistet!
Ja, seit zwanzig Jahren mit richtig großen Erfolgen. Aber es ist schlicht nicht finanzierbar, das Land mit Hospizen und Palliativstationen zu überziehen. Eine einzige Palliativstation in einem 800-Betten-Haus ist zu wenig. Die Sterbenden und das Thema Sterben werden sehr schnell organisational dorthin delegiert. Es bräuchte in allen Bereichen eines Krankenhauses eine hospizlich-palliative Kompetenz. Das bedeutet jedoch einen tiefgreifenden Struktur- und Transformationsprozess.

Was wären dann die besseren Wege?
Die Lösungen für die Fragen am Ende des Lebens liegen nicht in einem Medikament oder in einer neuen Professionalisierung, sondern in der Frage der Solidarität und einer neuen Sorgekultur. Wir meinen immer noch, dass man für alles einen Experten braucht. Die Geburt wird pathologisiert, also braucht man Screenings. Die Trauer wird als eine psychiatrische Erkrankung katalogisiert, also braucht man ein therapeutisches Konzept. Mit dem Sterben ist es nicht viel anders. Wir müssen begreifen, dass es für existenzielle Erfahrungen wie Altern und Sterben keine unmittelbaren Lösungen gibt, sondern wir müssen uns dazu emotional und rational anders in ein Verhältnis setzen. Wichtig ist es, eine Community vorzufinden, die mich ent-einsamt und ich nicht mehr so radikal auf mich alleine zurückgeworfen bin.

Dazu braucht es wohl eine breite Einstellungsänderung der gesamten Gesellschaft?
In den letzten Lebensjahren sind wir – genauso wie am Anfang des Lebens – auf die Solidarität anderer angewiesen. Ziel ist eine „sorgende Gemeinschaft“, und die muss erst wieder neu aufgebaut werden. Diese „Care-Revolution“ ist bereits im Gange. Die Bereitschaft zur Unterstützung von Sterbenden ist eindrucksvoll, wir brauchen nur enger geknüpfte Netzwerke. Die Zukunft wird sicherlich expertenärmer und weniger interventionistisch. Wir brauchen keine flächendeckende Expertokratie in Sachen Sterben, sondern wir brauchen Menschen, die bereit sind, sich diesen existenziellen Erfahrungen mit anderen auszusetzen.

Die Beteiligung der eigenen Kinder miteingeschlossen?
Wir dürfen auch den eigenen Kindern nicht Erfahrungen ersparen, die existenziell für ihr eigenes Leben sind. In meiner Generation macht sich eine Mentalität breit, die sagt: Ich habe alles geklärt, die Kinder brauchen sich nicht um mich zu kümmern. Ich entscheide über mein Kranksein und Sterben, ggf. beschleunige ich mein Ende durch Suizidassistenz und mache mich geräuscharm vom Acker. Ich finde, man sollte sich trauen, sich der nächsten Generation zuzumuten und sie nicht allzuschnell aus der Sorgeverantwortung für Menschen und die Welt zu entlassen. Das höhlt den Kern dieser Gesellschaft aus, denn sie ist im Wesentlichen auf Sozialität und Konvivialität (Ivan Illich) angelegt.

Zur Person Prof. Dr. Andreas Heller

20160113 ueber das sterben reden02 Portraet Andreas Heller

Andreas Heller | Foto: aau/Maier

Andreas Heller, Jahrgang 1956, ist auch als Berater von Caritas und Diakonie sowie verschiedenen Krankenhausgesellschaften in Deutschland und Österreich tätig. Er ist erster Professor für Palliative Care und Organisations-Ethik in Europa und leitet das gleichnamige Institut am IFF Wien. Er publiziert, u. a. „In Ruhe sterben. Was wir uns wünschen und was die moderne Medizin nicht leisten kann. München: Pattloch 2014“ (gemeinsam mit Reimer Gronemeyer).

für ad astra: Barbara Maier

Aufzug für die Kirche und Arbeit für die Kids

Rheingau-Echo - 26.11.2015 - Mittelheim. (sm) 
Schaustellerwagen im Garten wird neu aufgebaut / „Inklusionsprojekt“ mit St. Vincenz-Stift

20151120 oe aufzug u.wagen 1Der neue Kirchen-Aufzug gefällt: v.l. Gisela Böhm vom Seniorenkreis und der Frauengruppe (mit Rollator), Pfarrerin Elke Stern-Tischleder und Kirchenvorstands-Vorsitzender Dr. Heinz-Georg Bialonski.

Seit vier Wochen ist der neue Aufzug in der evangelischen Kirche von Oestrich-Winkel in Betrieb und wird gerne von älteren und gehbehinderten Gemeindemitgliedern genutzt. Er verbindet das Erdgeschoss mit der Kirche, den Keller mit dem Gemeindesaal und das Obergeschoss miteinander. „Im Gemeindesaal finden viele Veranstaltungen statt, aber wir brauchen den Aufzug nicht nur deswegen, sondern auch, weil unten die Toiletten sind“, sagt Pfarrerin Elke Stern-Tischleder.

Rund 45.000 Euro hat der elegante, gläserne Aufzug gekostet, finanziert wurde er hauptsächlich von der „Aktion Mensch“ und vom Lions Club Rheingau. Der Rest kam durch einen Zuschuss von der Landeskirche und durch Spenden zustande. Bereits als vor etwa zehn Jahren der Vorbau mit dem Eingang errichtet wurde, hat man einen Platz für den späteren Aufzug ausgespart.

Die Kinder und Jugendlichen unter den Gemeindemitgliedern interessiert die Möglichkeit, von Etage zu Etage zu fahren statt zu laufen, naturgemäß weniger. Sie begeistern sich zur Zeit vielmehr für das „Inklusionsprojekt“. Im Garten an der Rückseite des Gebäudes stand schon immer ein alter Schaustellerwagen, jetzt wurde er bis auf das Fahrgestell „entkleidet“ und harrt seines Wiederaufbaus. Inklusion bedeutet in diesem Zusammenhang, dass behinderte und nichtbehinderte Menschen gemeinsam an dem Projekt arbeiten, und zwar in Achtsamkeit, Respekt und einem gesunden, normalen Miteinander. Gemeindemitglieder der evangelischen Kirche Mittelheim und Leute aus dem St. Vincenz-Stift Aulhausen - Beschäftigte des Bereiches Gestaltung des Tages beziehungsweise Fördergruppen der StV gGmbH sowie Mitarbeiter aus diesem Bereich - werden zusammen Hand anlegen.

20151120 oe aufzug u.wagen 2Der Schaustellerwagen wird originalgetreu wieder aufgebaut, die einzelnen Teile werden in den Werkstätten des St. Vincenz-Stiftes aus Holz gezimmert und dann im Kirchgarten montiert. Unterboden, Grundgestell, Rahmen, Aufbau und Dach werden überarbeitet oder ganz neu gefertigt.

Dazu kommen neue Elemente wie Dämmung, Strom, Licht und so weiter, sowie der Innenausbau. Ziel ist es, den Wagen für die Kirchengemeinde und besonders für die Kinder wieder bespielbar zu machen.Wie die Inneneinrichtung aussehen soll, ist noch offen.

Man überlegt auch, den Wagen so herzurichten, dass er als kleine Bühne im Garten genutzt werden kann, also an einer der Breitseiten eine Treppe mit Plattform anzubauen, für Theateraufführungen und Musikveranstaltungen.