Projekt „Sorge tragen für alte Menschen im Rheingau“ gestartet

OESTRICH-WINKEL - 27.03.2014 - Wie wollen Sie altern und sterben? In die Gesellschaft integriert, beachtet, gebraucht und würdig bis zuletzt zu Hause umsorgt, ohne sich als Last zu fühlen? Diesen Wunsch haben auch 99 Prozent der Rheingauer; er erfüllt sich aber trotz 14 Jahren Ökumenischer Hospiz-Initiative nicht einmal für die Hälfte. Um das zu ändern, starteten die Initiative und das Pfarramt für Hospizarbeit und Klinikseelsorge jetzt mit und in Oestrich-Winkels evangelischer Gemeinde ein Projekt: „Sorge tragen – mit und für alte Menschen im Rheingau“ läuft bis September 2015.

Als Moderatoren begleitet der Wiener Palliative-Care-Professor Andreas Heller samt Assistent das neunköpfige Projektteam wissenschaftlich. Es gewann sofort beim Auftakt weitere Interessierte aus Medizin, Pflege, Seniorenarbeit und Kirchengemeinden beider Konfessionen als Multiplikatoren.

Mitmachen kann und soll jeder Rheingauer – schon im eigenen Interesse. Das verdeutlichte die erste Veranstaltung im Gemeindehaus in Mittelheim. Denn alle Generationen leben in einer Gesellschaft, in der sich der eine um den anderen sorgt, und jeder wird irgendwann alt. Ziel des Projektes ist es, in den anderthalb Jahren alle Initiativen mit und für alte Menschen zu vernetzen und überall Runde Tische zu gründen. Außer öffentlicher Vorträge sind im Seniorenkreis um Pfarrgemeinderatsvorsitzenden Hans-Georg Bialonski zum Beispiel Gesprächskreise und ein Gottesdienst von und mit Senioren geplant. Auf sie konzentriert Pfarrerin Elke Stern-Tischleder auch das Diakoniepraktikum der Konfirmanden im Winter.

„Es geht vor allem darum, ein neues verändertes Bewusstsein im Umgang mit und für alte Menschen zu wecken“, erklärte Hospizpfarrerin und Klinikseelsorgerin Beate Jung-Henkel, Initiatorin und Leiterin des Projekts. Es solle vorhandene Angebote, Nachbar- und Bürgerengagement „stärken und erweitern“. Stern-Tischleder erklärte, dass die Gemeinden alte Menschen direkt ansprechen, die registriert, aber nirgendwo zu sehen sind: „Wir wollen auch Besuche im Krankenhaus anbieten und den Gottesdienst mit Abendmahl nach Hause bringen“, also Kirche von fast reiner „Komm- zur Gehstruktur“ verändern. Um zu erfahren, was Ältere und ihre Angehörigen wirklich außer der gut erforschten Palliativmedizin und Pflege brauchen oder wünschen, seien die Gespräche mit ihnen wichtig, erklärte der Wiener Experte Heller: „Wir speisen ihre Geschichten in einen größeren Kreislauf.“

Jung-Henkel betonte, dass jeder Helfer auch ohne Erfahrung mit jeder Idee willkommen ist, „um die Welt zu den Einsamen zu bringen“, soziale Kontakte in Kleingruppen aufzubauen und allen Rheingauern zu ermöglichen, „im Alter würdig leben zu können“, statt sich als Last zu fühlen. Heller, der durch den Kontakt mit Jung-Henkel zum Projekt kam, erklärte den Win-Win-Effekt: „Sich Sorgen des Anderen zu eigen zu machen und sein Leben zu erleichtern, bereichert auch mein Leben.“

Altersverwirrte Menschen in unseren Gemeinden

Von Thorsten Stötzer

RHEINGAU-TAUNUS - Gottes Wort zu verkünden, das ist die ureigenste Aufgabe von Pfarrern und anderen Christen. Was aber sollen sie tun, wenn ihr Gegenüber damit aus gesundheitlichen Gründen nichts mehr anfangen kann? Mit dem Thema „Altersverwirrte Menschen in unseren Gemeinden“ befassten sich daher die Synodalen des evangelischen Dekanats Bad Schwalbach, zu dem im Rheingau die evangelischen Kirchengemeinden Oestrich-Winkel, Geisenheim und Rüdesheim gehören. Impulse lieferte den Teilnehmern mit einem Referat Pfarrer Bernd Nagel, der als Studienleiter im Zentrum Seelsorge und Beratung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) tätig ist. Seelsorge sei oft auf die Sprache und das Gespräch ausgerichtet, erklärte er. „Wo das aber nicht mehr möglich ist, entstehen oft Unsicherheit und Hilflosigkeit“, warnte er Theologen und Laien.

Wie bedeutend das Phänomen Demenz ist, belegte Nagel mit Zahlen: Demnach sind aktuell 1,2 Millionen Menschen in Deutschland derart eingeschränkt, für das Jahr 2050 werde mit 2,6 Millionen Betroffenen gerechnet. Familienangehörige betreuten rund 75 Prozent der Demenzkranken. „Wer dement ist, kann sich in fortschreitendem Maße nicht mehr im Alltag zurechtfinden“, fasste er zusammen.
Außer auf Formen und Phasen der Krankheit ging der Referent auf mögliche Hilfen im persönlichen Umgang ein. Achtung, Würde, Fürsorge und Liebe waren Stichworte dazu, um mit dem Verlust von Identität und Orientierung umzugehen. Es entstünden Herausforderungen für Dekanate und Gemeinden, etwa für die Gestaltung der Gottesdienste, die Frauenhilfe oder die Besuchsdienste. Und wo noch gesprochen werden kann, gewinne die Symbolsprache an Bedeutung, Seelsorgende könnten die Sehnsüchte aufnehmen. Große Stücke hält Nagel zudem auf die Biografie-Arbeit, bei der auch ein Kreuz, ein Konfirmationsspruch oder ein Gesangbuchvers Anreize bilden könnten. Stimulation könne weiterhin durch Gerüche, Geräusche, Handkontakte und Lieder erfolgen. Ritualisierte Abläufe in einer Gruppe wirkten beruhigend, und Musik aktiviere innere Bilder.

Der Vortrag vor der Dekanatssynode sollte nach den Worten von Pfarrer Manfred Wilfert, Klinikseelsorger auf dem Eichberg, den Charakter einer Auftaktveranstaltung haben.

Viele Projekte liefen bereits in den Kirchengemeinden, eine Informationsreihe soll das Jahr hindurch im Dekanat das Wissen um Demenz fördern. Gruppenarbeit diente in Hahn dem Austausch zum Komplex. Im zweiten Teil der Tagung befassten sich die Synodalen mit organisatorischen Dingen wie dem Haushalt 2014. Die Fusion der Dekanate Bad Schwalbach und Idstein zum Jahresanfang 2016 beschäftigt die Protestanten langfristig. Präses Rainer Löll aus Niederlibbach betonte außerdem, dass in der Diskussion um Asylbewerber im Kreis ein Signal von der Tagung ausgehen solle: „Ihr seid uns willkommen.“

Kantoren stellen Orgel vor

Wiesbadener Tagblatt - 19.11.2015 - von Christina Schultz

MITTELHEIM - Die Orgel ist ein einzigartiges Instrument, deren Klang die Menschen schon seit vielen Jahrhunderten fasziniert. Darüber konnte man sich am „Tag der Orgel“ in der evangelischen Kirche in Mittelheim informieren. Interessierte durften sogar selbst alle Register an der neobarocken Bosch-Orgel ziehen.

20151006 Orgel01 Foto RMBHeinzMargieDie drei hauptamtlichen Kirchenmusiker des evangelischen Dekanats Bad Schwalbach, Tassilo Schlenther (Geisenheim), Patrick Leidinger (Bad Schwalbach) und Thomas Wächter (Taunusstein), haben es sich in gemeinsamer Aktion zur Aufgabe gemacht, in jährlichem Turnus jeweils eines der Kircheninstrumente des Dekanats der Öffentlichkeit näherzubringen. Nach Wehen, Schlangenbad, Bad Schwalbach, Michelbach, Bleidenstadt, Geisenheim und Neuhof stand die „neue gebrauchte“ Orgel der Mittelheimer Kirche im Fokus.

Vielfältige Klangfarben

Nicht im Trio, sondern als Duo (Thomas Wächter musste wegen Krankheit absagen) begrüßten die Kantoren Tassilo Schlenther und Patrick Leidinger die Besucher. Sie boten einen abwechslungsreichen Nachmittag mit ausführlicher Vorstellung der Orgel mit ihren Registern und vielfältigen Klangfarben. Das Angebot der Orgel zum Anfassen, bei der das eigene Spiel der Besucher im Vordergrund stand, wurde reichlich genutzt. Den Abschluss bildeten ein Vorspiel der Dekanats-Orgelschüler und das gemeinsame Konzert beider Kirchenmusiker selbst.

„Bedienen sie sich, hier geht es ganz locker zu“, wies Tassilo Schlenther auf Erfrischungen hin, bevor er auf Einzelheiten der vor einem Jahr installierten Orgel einging. Vor vier Jahren sei man auf die Suche nach einem „neuen“ gebrauchten Instrument gegangen. Fündig wurde man in Bergen-Enkheim. Ein komplett neuer Orgelaufbau für die geschätzten 1800 Pfeifen musste geschaffen werden, Orgelbauer Krawinkel aus Nordhessen passte die Orgel den architektonischen Gegebenheiten in Mittelheim an.

Er habe ganze Arbeit geleistet. Aller Respekt gelte diesem Kunsthandwerk, lobte Schlenther und wies auf die schwierige Akustik in der Mittelheimer Kirche hin. Hohlblocksteine an der hinteren Orgelwand verschluckten den Schall, die Bauweise der Kirche aus Glas und Beton tue ein Übriges. „Vor allem im Sommer wird nicht nur der Organist gegrillt, auch die Pfeifen verstimmen schnell.“

Was es mit den Knöpfen in Rot und Grün sowie dem Zimbelstern, dem Effektregister, auf sich hat, erfuhren die Zuhörer während der Einführung in die Technik und den Orgelaufbau durch Patrick Leidinger, der auch Fachfragen beantwortete. Anhand verschiedener Orgelpfeifen-Modelle erklärte er die Bau- und Funktionsweise, veranschaulichte die Entstehung des Tones und untermauerte das mit Klangbeispielen.

Neben Organisten anderer Kirchengemeinden hatten sich auch Hobby-Musiker eingefunden wie Silke Pellegrino aus Oestrich-Winkel, die seit vielen Jahren Orgel spielt. „Eigentlich nur zum Hausgebrauch“, meinte sie bescheiden. Das Angebot, selbst zu spielen, wollte sie noch nicht wagen: „Da bekommt man aber wieder richtig Lust zu üben.“ In den Fingern juckte es auch Frank Weber-Labonte, Organist der evangelischen Kirche in Rüdesheim, der mit virtuosem Spiel und Variationen des Jazz-Klassikers „Take Five“ die Klangvielfalt der Bosch-Orgel unter Beweis stellte.