Diaspora inmitten von Weinberge

Evangelische Sonntagszeitung - Renate Haller (rh)

Die Stadt inmitten von Weinbergen ist eigentlich eine protestantische Diaspora. Der Katholizismus ist hier stark, aus historischen Gründen, denn die Ecke gehörte lange dem Mainzer Erzbischof. Seither hat sich aber einiges geändert: Der Erzbischof ist nur noch ein normaler Bischof, außerdem kein Territorialherr mehr, und viele Evangelische sind zugezogen – teilweise gezwungen als Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg, teilweise angelockt von den Arbeitsmöglichkeiten des Rhein-Main-Gebiets. Mittlerweile wohnen rund 2300 Protestanten hier.

Meditativer Ausblick im Gottesdienst
Ihr Zentrum, das als Kirche und Gemeindehaus gleichzeitig dient, liegt idyllisch. Vom Kirchenraum geht der Blick durch eine große Glasfront über die sich träge dahinwälzenden Wasser des Rheins. Frachtschiffe ziehen vorbei. »Meditativ« nennt Stern-Tischleder diesen Ausblick. Für einige Zeit war sie alleine für ihre Schäfchen zuständig, während sich ihre Kollegin Mareike Frahn-Langenau ihren kleinen Kindern widmet, nun ist mit Monika Kreutz eine Verstärkung für Frahn-Langenaus Elternzeit angekommen. Heinz-Georg Bialonski unterstützt die beiden als Vorsitzender des Kirchenvorstands. Bialonski und Stern-Tischleder arbeiten gut zusammen, telefonieren fast täglich und treffen sich mehrmals im Monat. Ein Gemeindemitglied könnte sich mit einer organisatorischen Frage sowohl an die Pfarrerin als auch an den Kirchenvorstand wenden und bekäme eine zufriedenstellende Antwort.

20151208 sn oestrich winkelDas Gemeindezentrum hat Pelletheizung und Solarstrom
Besonders viel Zeit haben die Theologin und der Vorstand in jüngster Zeit in das Thema Bauen investiert. Das Gemeindezentrum stammt aus den 1950er Jahren und hat kürzlich eine Pelletheizung und Sollarkollektoren bekommen. Und eine bessere Orgel: Eine neobarocke Bosch-Orgel löste das alte kleinere Instrument ab. Die neue Orgel ist aber nicht ganz neu, sondern gebraucht. Dennoch mussten die Oestrich-Winkeler dafür mehr als 225 000 Euro ausgeben. Das war eines der größten Orgelversetzungsprojekte der Landeskirche im vergangenen Jahr.

Ein Aufzug soll das Zentrum barrierefrei machen, danach ist beim Thema Bau erst einmal Ruhe.

Ü-41,7-Party
An anderen Betätigungsfeldern besteht aber kein Mangel. Weltladen, Kita, Vater-Kind-Freizeiten oder das Demenz-Projekt »Sorge tragen für alte Menschen im Rheingau«, bei dem alte Menschen durch biografisches Arbeiten eingebunden werden – Oestrich-Winkel ist eine überaus aktive Gemeinde. Vor kurzem stieg im Gemeindesaal die Ü-41,7-Party. Der Titel ist nicht ganz ernst zu nehmen, sagt Stern-Tischleder und grinst dabei. Die Feier sollte jene Generation ansprechen, die im Gottesdienst und im Gemeindeleben nur selten anzutreffen ist. Das sei auch durchaus erfolgreich gewesen, berichtet die Seelsorgerin, die Hütte sei voll gewesen. Was sicher auch an dem Programm mit DJ lag. Die Gemeinde überlegt, ob sie dieses Konzept bald wiederholen will.

Die Kinder lernen das Gemeindeleben früh kennen
Stern-Tischleder hat aus ihrer Vikariatszeit ein Projekt mitgebracht, das sie hier auch gleich ausprobiert hat: den Vor-Konfirmandenunterricht. Grundschulkinder lernen hier spielerisch, was das Kirchenjahr aus religiöser Sicht bedeutet. Dazu müssen sie noch nicht einmal unbedingt getauft sein. So lernen die Kinder das Gemeindeleben schon früh kennen - und nicht erst im Konfirmandenalter, wo erfahrungsgemäß andere Dinge als die Beziehung zu Gott im Fokus stehen.

Zurückhaltung bei der Frage der Windkraft
Während die Gemeinde bei den jungen Mitgliedern aktiv ist, hält sie sich in anderen Feldern lieber etwas zurück. Bei der Frage der Windkraft zum Beispiel, die derzeit im Rheingau hochemotional diskutiert wird. Die Bevölkerung ist gespalten in Befürworter und jene, die die Rotoren nicht vor der Nase haben wollen. Stern-Tischleder und Bialonski finden die Diskussion viel zu sehr politisch aufgeladen und wollen sich nicht von einer der Seiten vereinnahmen lassen. Bisher hat das auch noch niemand ernsthaft versucht, sagt die Theologin: Das Thema wurde an uns noch nicht offiziell herangetragen. Dagegen ist die Gemeinde aber aktiv gegen den Bahnlärm, der die Oestrich-Winkeler quält und veranstaltet zum Beispiel gemeinsame Gottesdienste mit einer Bürgerinitiative. Die Gleise verlaufen mitten durch den Ort und gleich hinter dem Gemeindezentrum. Da sind die Frachtschiffe, die an der gegenüberliegenden Seite des Hauses vorbeiziehen, doch angenehmer. Meditativ eben.

Kirchengemeinde Oestrich-Winkel, Pfarrerinnen Elke Stern-Tischleder und Monika Kreutz, Rheingau-Straße 105, 65375 Oestrich-Winkel, Telefon: 0 67 23 / 33 85, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Letztes Konzert mit alter Orgel

Neue Orgel mit 29 klingenden Registern wird eingebaut!

Oestrich-Winkel. (sf) 12.06.2014 - Zum letzten Mal erklang bei einem Konzert am Pfingstmontag die altehrwürdige Orgel in der evangelischen Kirche in Mittelheim. Die Flötistin Alvhild Barbatschi, die Cellistin Margret Jost, die Sängerin Jelena Puljas und Tassilo Schlenther an der Orgel hatten für dieses Konzert ein Programm mit Stücken von Bach, Vivaldi, Rheinberger und Mendelssohn vorbereitet.

Der Eintritt für das Konzert war frei, die Künstler baten allerdings um Spenden zu Gunsten der neuen Orgel. Denn direkt nach dem Konzert wird die alte Bosch Orgel in den nächsten Wochen abgebaut. Im Laufe der nächsten Monate wird dann die neue Orgel mit 29 klingenden Registern eingebaut und intoniert. Die feierliche Einweihung ist am 31. Oktober geplant.

„Liebe Trauergemeinde, wir verabschieden uns hier heute mit diesem Konzert von einer altehrwürdigen Dame, die über 40 Jahre Musiker und Sänger zur Verzweiflung gebracht hat“, erklärte der Vorsitzende des Orgelausschusses der evangelischen Kirchengemeinde Oestrich-Winkel, Dr. Jan Kirchner. „Die neue Orgel, die noch nicht ganz bezahlt ist, wir brauchen also noch Unterstützung bei der Finanzierung, hat noch niemand gehört, wir haben also sozusagen die „Katze im Sack gekauft“, setzte Dr. Kirchner seine witzige Einführungsansprache zum letzten Konzert auf der alten Orgel am Pfingstmontag fort. „Ich gebe die Orgel zum Abschuss frei“, fügte er dann noch schmunzelnd hinzu.

„Es war ein langer Weg, den der eigens dafür gebildete Orgelausschuss zurücklegen musste. Es gab viele Pläne und Diskussionen. Doch die Genehmigung der Kirchenleitung in Darmstadt liegt uns vor. Nach der akustischen Sanierung und dem Abbau der alten Orgel geht es endlich los“, erläuterte auch Alfred Ernst den Weg zur Anschaffung der neuen Orgel, die eigentlich ja eine gebrauchte Orgel sei. Er berichtete von einem Besuch beim Orgelbauer Krawinkel in Trendelburg.: „Die Orgel wurde ursprünglich 1975 von der renommierten Orgelbaufirma Bosch aus Kassel in der Evangelischen Laurentiuskirche in Bergen-Enkheim bei Frankfurt am Main aufgestellt. Nachdem sich die dortige Kirchengemeinde zum Erwerb einer neuen Orgel entschlossen hatte, wurde sie fachgerecht abgebaut und beim Orgelbauer Elmar Krahwinkel in Trendelburg eingelagert. Die Orgel ist nach den Gutachten in einem sehr guten Zustand“. Durch die anderen räumlichen Gegebenheiten in der Kirche in Oestrich-Winkel seien in der Konstruktion der Orgel sowie im klanglichen Bereich noch einige Veränderungen vorzunehmen. „Vor dem Aufbau der neuen Orgel ist auch eine akustische Sanierung, hauptsächlich an der gegenüberliegenden Altarwand, gegebenfalls auch innerhalb des Orgelkörpers erforderlich, um die feinen Nuancen des Klangbildes noch besser zur Geltung zu bringen“, erläuterte Ernst. Damit möglichst viele Menschen ein einmaliges Klangergebnis genießen können, wolle man, dass es eine „Orgel für Alle“ wird. Dazu gehören natürlich auch Konzerte außerhalb der Gottesdienstzeiten.

Mit einem Gala-Abend auf Schloss Vollrads hatte man bereits im Sommer letzten Jahres einen Spendengrundstock von 8000 Euro aufgebaut und war so dem Ziel ein Stück nähergekommen. Auch der Vorschlag, eine „Orgel-Patenschaft“ zu übernehmen und für die unterschiedlich großen Pfeifen zwischen 20 und 300 Euro zu bezahlen, fand ebenfalls Gehör. Die 15 großen Prospektpfeifen seien für eine Patenschaft von je 1500 Euro zu haben. „Bei allen Pfeifen können Sie sich Ihren ganz speziellen Pfeifenton aussuchen. Außerdem kann auf Wunsch der Name des Paten auf einer kleinen Tafel neben der neuen Orgel erscheinen, erläuterte er.

Und auch eine Benefizweinprobe im Brentanohaus fand guten Anklang und sorgte für weitere Spenden zur Anschaffung der Orgel, die im Oktober erstmals erklingen soll.

Orgel-Premiere

MITTELHEIM - (bm). Am Reformationstag war Premiere

20141103 orgel01 Die neue Orgel, die sich die evangelische Kirchengemeinde Oestrich-Winkel auf dem "Gebrauchtorgelmarkt" besorgte, hat ihre Feuertaufe bestanden. Der Kantor von St. Gereon in Köln, Jürgen von Moock, brachte die neobarocke Bosch-Orgel im Festgottesdienst zum ersten Mal für die Öffentlichkeit zum Klingen und spielte eine Reihe von Improvisationen. Wie berichtet, hatte sich der Rheingauer Kirchenmusiker Tassilo Schlenter schon im Vorfeld ganz begeistert von dem Instrument gezeigt, das auch wunderbar konzertant einzusetzen sei.

Auch nach dem ersten Gottesdienst-Einsatz erklärte er: "Das ist eine große Bereicherung für die Gemeinde." Der Einbau der Orgel, die ursprünglich ihren Dienst in der Laurentiuskirche in Bergen-Enkheim versehen hat, war ein großes Projekt für die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau. "Es war vom Umfang her vergleichbar mit einem Hausbau", so Schlenther. Das Instrument mit 27 Registern, zwei Manualen und 1600 Pfeifen kostete 185 000 Euro, mit dem aufwendigen Einbau hatte die Kirchengemeinde insgesamt 225 000 Euro zu finanzieren. Um die schlechte Akustik in der Kirche zu verbessern, wurde auf der der Orgel gegenüberliegenden Wand ein neuer Putz aufgetragen.

Auch das Raumklima mit meistens hohen Temperaturen und niedriger Luftfeuchtigkeit verlange der "Königin der Instrumente" viel ab, teilte die Kirchengemeinde mit. Aber die neue Orgel sei robust und halte Einiges aus.