Kirche ist jetzt barrierefrei

Wiesbadener Tagblatt - 20.11.2015 - von Christina Schultz 

Pfarrerin Elke Stern-Tischleder (rechts) hilft Gisela Böhm mit ihrem Rollator in den neuen Aufzug im evangelischen Pfarrzentrum in Mittelheim.

20151120 Aufzug Foto Lisa Bolz

Bericht/Foto: Lisa Bolz

Wir freuen uns alle sehr über den neuen Aufzug“, erzählt Gisela Böhm, Mitglied der evangelischen Kirchengemeinde Oestrich-Winkel. Zwar sind es nur gut 20 Stufen, dennoch haben sich Senioren und Menschen mit Gehbehinderung jedes Mal abmühen müssen, denn der große Gemeindesaal des Pfarrzentrums befindet sich im Untergeschoss, hier finden praktisch alle gemeinsamen Aktivitäten statt.

- Bisher nur per Treppe -

Jetzt sind die Senioren nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen, denn seit vier Wochen können sie den neuen Aufzug im Treppenhaus nutzen. „Das Herunterkommen war schon immer ein Problem“, erklärt Heinz-Georg Bialonski. Das Gebäude wurde in den 1950er Jahren am Hang gebaut, wodurch die architektonische Anatomie des Baus entstand. Der Gemeindesaal war nur über die Treppe zu erreichen. Auch der Umweg über den Außenbereich stellte keine adäquate Lösung dar. Deshalb habe man schon bei der Planung des Vorbaus vor zwölf Jahren das Treppenhaus so geplant, dass man zu einem späteren Zeitpunkt einen Aufzug hineinsetzen könne, so der Vorsitzende des Kirchenvorstandes.

Mit der energetischen Sanierung vor sechs Jahren musste das Gebäude dann räumlich umgestaltet werden. Dort, wo früher die Herrentoiletten waren, ist jetzt ein Pelletslager neben der neuen Heizung, und die sanitären Anlagen befinden sich nun direkt neben dem Gemeindesaal im Treppenhaus. Das Dach wurde zu einem Solardach mit moderner Fotovoltaikanlage umgebaut und auch eine Behindertentoilette kam hinzu. Mit Abschluss dieser Sanierungsmaßnahmen entschied der Vorstand nach einem Jahr Planungszeit im Juli dieses Jahres, den Aufzug einbauen zu lassen.

„Eine gute Investition“, so Heinz-Georg Bialonski, „die lange überfällig war“. „Die Bevölkerung wird einfach älter und es gibt viele Menschen, die auch unabhängig vom Alter unter Gehbehinderungen leiden. Diese sollen aber nicht von den gemeinsamen Aktivitäten ausgeschlossen werden.“ Dass sich viele Senioren mit der Treppe schwergetan haben, bestätigt auch die 75-jährige Gisela Böhm.

Viele seien deswegen auch gar nicht zum Seniorenkreis gekommen. Erst seit Kurzem ist sie aus gesundheitlichen Gründen selbst auf einen Rollator angewiesen und die Treppen wurden zum Problem. „Der Aufzug ist eine große Hilfe“, freut sich die Rentnerin und hofft, dass in Zukunft wieder mehr Senioren zur Frauengruppe oder zum Seniorenkreis kommen. „Man hat ausreichend Platz und kommt auch mit dem Rollator gut hinein.“ Besonders lobt sie die freie Sicht durch die Glasscheiben. „Viele Aufzüge sind zu klein und man fühlt sich sehr beengt.“ Schon beim letzten Treffen der Senioren Ende Oktober, bei dem auch über 90-Jährige dabei sind, hätten sich viele Gemeindemitglieder gefreut und gesagt, „dass es jetzt viel leichter ist, ins Untergeschoss zu gelangen“.

Die Kosten für den Plattformlift belaufen sich auf rund 45 000 Euro, so Heinz-Georg Bialonski. Das Projekt wurde maßgeblich von der Aktion Mensch und dem Lions Club Rheingau finanziert, einen Teil stellte auch die Landeskirche.

Gedenken an die Verstorbenen in der Hoffnung auf Frieden

Rheingau-Echo - 19.11.2015 -

Ernste Stimmung bei der Feierstunde zum Volkstrauertag am Hallgartener Ehrenmal

Bürgermeister Heil bat um eine Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlages in Paris.

Oestrich-Winkel. (sf) – „In dem großen menschlichen Leid und dem Elend, dass er auslöst, hat sich bisher kein Krieg vom anderen unterschieden. Frieden und alles, was dazu beiträgt, ist unzweifelhaft die wichtigste Grundlage jeder positiven menschlichen Entwicklung. Und um uns das zu vergegenwärtigen, sind wir heute hier. Wir gedenken der Opfer von Krieg und Gewalt in allen Ländern der Erde. Wir trauern um die Toten der Weltkriege, trauern mit den Vertriebenen und Hinterbliebenen.

20151119 Volkstrauertag01Wir gedenken derer, die weltweit ihr Leben verloren haben, weil sie sich gegen eine Gewaltherrschaft stellten und derer, die ermordet wurden, weil sie zu einer Minderheit zählten. Wir gedenken der Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung und derjenigen, deren Leben aufgrund von Krankheit oder Behinderung von anderen für unwert erklärt und die in Folge getötet wurden. Und wir drücken hier und heute unsere Hoffnung aus, aus der Vergangenheit zu lernen und in Frieden zu leben“, erklärte Bürgermeister Michael Heil am vergangenen Sonntag in seiner Ansprache zum Volkstrauertag am Ehrenmal in Hallgarten. Trotz dieser Hoffnung auf Frieden sei man aber realistisch und wisse, dass auch heute in vielen Ländern der Welt Krieg herrscht, in Syrien, Afghanistan, Eritrea und Nigeria. „Alle, die wir hier zusammen stehen, sind privilegiert. Natürlich nicht im Sinne von Sonderrechten, aber in dem Sinne, dass wir in einem Land leben, in dem Frieden herrscht und ein Rechtssystem, das staatliche Willkür ausschließt. Schauen wir uns auf der Welt um, dann müssen wir feststellen, dass in der Mehrheit der Länder entweder Krieg herrscht oder Gewalt regiert, deren Willkür jeder zu jeder Zeit zum Opfer fallen kann, oder wo zumindest in vielen Staaten die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Staatlich gebilligte Folter, Habgier der Herrschenden, de facto Rechtlosigkeit der Mehrheit der Bevölkerung durch Korruption und Ineffizienz in der Behördenarbeit sowie Unterdrückung der Menschen durch Bildungsarmut sind nur einige Faktoren, die weltweit verbreitet sind und die dazu führen, dass in vielen Ländern kein Frieden herrscht“, so Heil. Denn Frieden sei mehr als die Abwesenheit von Krieg und nur an wenigen Orten auf der Welt gäbe es diesen Zustand: „Und wir haben das Glück, an einem von ihnen zu leben. Deshalb sind wir privilegiert. Aber mit jedem Privileg geht auch Verantwortung einher. Und unsere Verantwortung als in Frieden lebende Menschen ist es, zu mahnen, dass der Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, sondern dass er jeden Tag auf vielfältige Art und Weise bewahrt werden muss. Und es ist Teil unserer Verantwortung, Menschen bei uns aufzunehmen, die aus Kriegsgebieten kommen und nach den Regeln der Genfer Flüchtlingskonvention Schutz bei uns suchen“, so der Bürgermeister. Er sagte, die hohe Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland komme, bringe große Herausforderungen mit sich und beunruhige viele. „Wir brauchen daher entsprechende Kontrollsysteme, schnelle Verfahren, aber auch zeitnahe Rückführungen für Menschen, die hier kein Bleiberecht haben, das ist erkannt und entsprechende Maßnahmen sind eingeleitet“, so Heil. Frieden bedeute vor allem auch sozialen Frieden. Um den zu bewahren, müsse in einer Gesellschaft Konsens herrschen über grundlegende ethische Werte: „Es muss der Wille zu einem friedlichen Miteinander da sein, unabhängig davon, welche Konflikte oder Probleme gerade an der Tagesordnung sind. Aber genau diese grundlegende Bereitschaft, Konflikte friedlich zu lösen, scheint Teilen unserer Gesellschaft gerade verloren zu gehen. Das macht nicht nur mich sehr besorgt. Wir erwarten und dürfen von den jetzt ankommenden Flüchtlingen zu Recht verlangen, dass sie sich hier in unserem Land friedlich verhalten und unsere Werte beachten, wir müssen den Frieden und diese Werte aber dann auch vorleben“, so der Rathauschef. Man dürfe es nicht zulassen, dass in Deutschland Konflikte in Gewalt eskalierten.

Gleichzeitig sagte Heil, dass er froh sei, dass es in Oestrich-Winkel bisher noch keine gewalttätigen Übergriffe auf Flüchtlinge zu beklagen gibt. „Das heißt aber nicht, dass dies nicht auch bei uns geschehen kann. Deshalb: Helfen Sie bitte alle mit, dass es nicht soweit kommt. Leben Sie Frieden, indem Sie durch Aufklärung, Vermittlung, aber auch durch das Setzen von klaren Regeln und Grenzen helfen, die Menschen, die aus Kriegsgebieten neu zu uns gekommen sind, zu integrieren. Leben Sie Frieden, indem Sie sich mit Ihrer persönlichen Meinung gegen jegliche „Gewalt-Stimmung“ stellen und helfen“, richtete Heil seine Bitte an die knapp 50 Gäste, die zu der offiziellen Feierstunde der Stadt Oestrich-Winkel nach Hallgarten gekommen waren.

Die Einsatzabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Hallgarten, die Reservistenkameradschaft Rheingau und die Soldaten der Patenschaftskompanie der Stadt Oestrich-Winkel umrahmten die Gedenkfeier mit einem Ehrenspalier, der Männergesangverein Hallgarten hatte die musikalische Gestaltung der Feierstunde übernommen. „Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Kinder, Frauen und Männer aller Völker, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren“, so auch Pater Hartwig und seine evangelische Kollegin Monika Kreutz. Die beiden Geistlichen gaben den Gästen ihren Segen mit auf den Weg.

Der Volkstrauertag sei ein Gedenktag, den man seit 1952 begeht und der doch auch heute noch immer aktuell sei, wie gerade auch die Attentatsserie in Paris gezeigt habe. Bürgermeister Heil bat deshalb gleich zu Beginn der Gedenkstunde um eine Schweigeminute für die Opfer des gemeinen Anschlages: „Das war nicht nur ein Attentat auf die Menschen in Paris oder Frankreich, das war ein Angriff auf das europäische Volk, auf unsere Werte, auf die Menschlichkeit und Freiheit. In Gedanken sind wir bei den Opfern und ihren Angehörigen“.

Ein Kreuz schlagen

Evangelische Sonntags-Zeitung • Von Nils Sandrisser - 07.06.2015

Oestrich-Winkel kümmert sich besonders um die Ökumene

Oestrich-Winkel ist zwar ein urkatholisches Gebiet, aber hier lebt auch eine große protestantische Gemeinde. Die bietet ihren Mitgliedern ein breites Angebot - aber nicht nur ihnen.

20150607 Oekumene

Die Ökumene bestimmt das Gemeindeleben. »In jedem Gottesdienst sind auch Katholiken dabei«, erzählt Pfarrerin Elke Stern-Tischleder.
In Oestrich-Winkel wird in der protestantischen Kirche öfter mal ein Kreuz geschlagen. Ein wichtiger Schwerpunkt der Gemeindearbeit sind ökumenische Reisen. Das sind keine reine Besichtigungstouren, sondern theologische Angebote. »Spurensuche« heißt das Thema dabei, die Oestrich-Winkeler fahren dann zum Beispiel in die Türkei nach Kappadokien zu den Stätten des frühen Christentums.

20150607 Oekumene01Die Stadt inmitten von Weinbergen ist eigentlich eine protestantische Diaspora. Der Katholizismus ist hier stark, aus historischen Gründen, denn die Ecke gehörte lange dem Mainzer Erzbischof. Seither hat sich aber einiges geändert: Der Erzbischof ist nur noch ein normaler Bischof, außerdem kein Territorialherr mehr, und viele evangelische sind zugezogen – teilweise gezwungen als Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg, teilweise angelockt von den Arbeitsmöglichkeiten des Rhein-Main-Gebiets. Mittlerweile wohnen rund 2300 Protestanten hier.

Das Gemeindezentrum hat Pelletheizung und Solarstrom
Ihr Zentrum, das als Kirche und Gemeindehaus gleichzeitig dient, liegt idyllisch. Vom Kirchenraum geht der Blick durch eine große Glasfront über die sich träge dahinwälzenden Wasser des Rheins.

Frachtschiffe ziehen vorbei. »Meditativ « nennt Stern-Tischleder diesen Ausblick. Für einige Zeit war sie alleine für ihre Schäfchen zuständig, während sich ihre Kollegin Mareike Frahn-Langenau ihren kleinen Kindern  widmet, nun ist mit Monika Kreutz eine Verstärkung für Frahn-Langenaus Elternzeit angekommen.
Heinz-Georg Bialonski unterstützt die beiden als Vorsitzender des Kirchenvorstands. Bialonski und Stern-Tischleder arbeiten gut zusammen, telefonieren fast täglich und treffen sich mehrmals im Monat. Ein Gemeindemitglied könnte sich mit einer organisatorischen Frage sowohl an die Pfarrerin als auch an den Kirchenvorstand wenden und bekäme eine zufriedenstellende Antwort. Besonders viel Zeit haben die Theologin und der Vorstand in jüngster Zeit in das Thema Bauen investiert. Das Gemeindezentrum stammt aus den 1950er Jahren und hat kürzlich eine Pelletheizung und Sollarkollektoren bekommen. Und eine bessere Orgel: Eine neobarocke Bosch-Orgel löste das alte kleinere Instrument ab. Die neue Orgel ist aber nicht ganz neu, sondern gebraucht. Dennoch mussten die Oestrich-Winkeler dafür mehr als 225 000 Euro ausgeben. Das war eines der größten Orgelversetzungsprojekte der Landeskirche im vergangenen Jahr. Ein Aufzug soll das Zentrum barrierefrei machen, danach ist beim Thema Bau erst einmal Ruhe. An anderen Betätigungsfeldern besteht aber kein Mangel. Weltladen, Kita, Vater-Kind-Freizeiten oder das Demenz-Projekt »Sorge tragen für alte Menschen im Rheingau«, bei dem alte Menschen durch biografisches Arbeiten eingebunden werden.

Oestrich-Winkel ist eine überaus aktive Gemeinde. Vor kurzem stieg im Gemeindesaal die »Ü-41,7-Party«. »Der Titel ist nicht ganz ernst zu nehmen«, sagt Stern-Tischleder und grinst dabei. Die Feier sollte jene Generation ansprechen, die im Gottesdienst und im Gemeindeleben nur selten anzutreffen ist. Das sei auch durchaus erfolgreich gewesen, berichtet die Seelsorgerin, die Hütte sei voll gewesen. Was sicher auch an dem Programm mit DJ lag. Die Gemeinde überlegt, ob sie dieses Konzept bald wiederholen will.

Die Kinder lernen das Gemeindeleben früh kennen
Stern-Tischleder hat aus ihrer Vikariatszeit ein Projekt mitgebracht, das sie hier auch gleich ausprobiert hat: den Vor-Konfirmandenunterricht. Grundschulkinder lernen hier spielerisch, was das Kirchenjahr aus religiöser Sicht bedeutet. Dazu müssen sie noch nicht einmal unbedingt getauft sein. So lernen die Kinder das Gemeindeleben schon früh kennen – und nicht erst im Konfirmandenalter, wo erfahrungsgemäß andere Dinge als die Beziehung zu Gott im Fokus stehen. Während die Gemeinde bei den jungen Mitgliedern aktiv ist, hält sie sich in anderen Feldern lieber etwas zurück. Bei der Frage der Windkraft zum Beispiel, die derzeit im Rheingau hochemotional diskutiert wird. Die Bevölkerung ist gespalten in Befürworter und jene, die die Rotoren nicht vor der Nase haben wollen. Stern-Tischleder und Bialonski finden die Diskussion viel zu sehr politisch aufgeladen und wollen sich nicht von einer der Seiten vereinnahmen lassen. Bisher hat das auch noch niemand ernsthaft versucht, sagt die Theologin: »Das Thema wurde an uns noch nicht offiziell herangetragen.«Dagegen ist die Gemeinde aber aktiv gegen den Bahnlärm, der die Oestrich-Winkeler quält und veranstaltet zum Beispiel gemeinsame Gottesdienste mit einer Bürgerinitiative. Die Gleise verlaufen mitten durch den Ort und gleich hinter dem Gemeindezentrum. Da sind die Frachtschiffe, die an der gegenüberliegenden Seite des Hauses vorbeiziehen, doch angenehmer. Meditativ eben.