ZDF überträgt Gottesdienst aus Kirche in Oestrich-Winkel

Wiesbadener Tagblatt - 11.03.2019

Den Gottesdienst zum Auftakt der Fastenaktion „Mal ehrlich – 7 Wochen ohne Lügen“ haben am Sonntag rund 800 000 Besucher erlebt, in der Kirche und am Fernsehschirm.
 
MITTELHEIM - (red). Rund 860 000 Besucher haben am Sonntag den Gottesdienst in der Evangelischen Kirche in Oestrich-Winkel verfolgt. Wenn sie auch nicht alle in der Kirche saßen. Die allermeisten schauten sich den Gottesdienst im Fernsehen an, live übertragen vom ZDF. Um nichts Geringeres als Wahrheit und Ehrlichkeit ging es. Die Regionalbischöfin von München und Oberbayern, Susanne Breit-Keßler, eröffnete zusammen mit den Ortspfarrerinnen Juliane Schüz und Elke Stern-Tischleder die diesjährige Fastenaktion der Evangelischen Kirche. In diesem Jahr lautet das Motto „Mal ehrlich – 7 Wochen ohne Lügen“. Susanne Breit-Keßler ist Kuratoriumsvorsitzende der Aktion und fragte gleich zu Beginn des Gottesdienstes: „Wie steht es bei mir mit Wahrhaftigkeit? Wie viel Ehrlichkeit können wir uns selbst und anderen überhaupt zumuten?“
Die Kirchengemeinde Oestrich-Winkel hatte im Vorfeld Menschen aus der Gemeinde gefragt, was ihnen dazu als erstes einfallen würde. „Sieben Wochen ohne Lügen? Dann wäre ich meinen Job los und meine Frau würde mich verlassen“, sagte ein Mann. „Ich würde mal mit sieben Minuten anfangen“, lautete eine andere Antwort. „Ehrlich sein, damit müssten mal die Politiker anfangen“, forderte eine Frau. „Und wie ist das überhaupt mit Notlügen?“, fragte Breit-Keßler die Menschen in der voll besetzten Kirche.
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Die Kamera hat alles im Blick. Aus der Mittelheimer Kirche wird der Gottesdienst zum Auftakt der Fastenaktion der evangelischen Kirche übertragen. Foto: Heinz Margielsky
 
Die Kirchengemeinde Oestrich-Winkel hatte im Vorfeld Menschen aus der Gemeinde gefragt, was ihnen dazu als erstes einfallen würde. „Sieben Wochen ohne Lügen? Dann wäre ich meinen Job los und meine Frau würde mich verlassen“, sagte ein Mann. „Ich würde mal mit sieben Minuten anfangen“, lautete eine andere Antwort. „Ehrlich sein, damit müssten mal die Politiker anfangen“, forderte eine Frau. „Und wie ist das überhaupt mit Notlügen?“, fragte Breit-Keßler die Menschen in der voll besetzten Kirche.
Oftmals belügen Menschen sich selbst. „Die Wahrheit tut weh und zwingt einen zum Handeln“, weiß die Regionalbischöfin. Ein korpulenter Kollege, der nicht zugibt, dass er viel zu viel isst oder die alkoholkranke Freundin, die sich ihrer Krankheit nicht stellt, nennt sie als Beispiele. Der korpulente Kollege müsste sich eingestehen, dass er die aufgestaute Wut über den aggressiven Chef förmlich in sich hineinfrisst. Er wäre genötigt, zu überlegen, welche Möglichkeiten ihm offenstehen. Dem Chef die Meinung sagen? Neue Arbeit suchen? Sehr unbequem. „Die Dissonanz zwischen den eigenen Wünschen, Sehnsüchten und Hoffnungen und der Realität ist oft groß. Dann belügen sich Menschen, damit sie dem, was sie schmerzt, ausweichen können.“
 
Bischöfin warnt vor Authentizät um jeden Preis
 
Die Regionalbischöfin mahnte aber gleichzeitig vor einer falsch verstandenen Art von Authentizität. „Das würde nämlich bedeuten, dass Männer und Frauen sich immer so zeigen und verhalten, wie sie sich im Innersten befinden. Eben nicht nur nett, freundlich, charmant, intelligent und hilfsbereit. Sondern gelegentlich auch ausgesprochen ekelhaft, gemein, grausam und vollkommen gleichgültig. Nein, so authentisch sein tut nicht gut.“
 
Pfarrerin Juliane Schüz betonte, dass Ehrlichkeit ohne Liebe verletzend sei. Und Geschäftsführer Arnd Brummer lud die Menschen ein, in den kommenden sieben Wochen wahrhaftig und liebevoll zu sein. Die Bischöfin ermutigte die Menschen in der Kirche und an den Fernsehgeräten, die eigene Befindlichkeit nicht zum Zentrum des Handelns zu machen. Die Herausforderung bestehe darin, redlich zu sein, auch mit sich selbst, „denn es gibt nichts, was wir uns und Gott verheimlichen müssten“

23.01.2018 cw Artikel: Sie ist noch keine drei Wochen ist Oestrich-Winkel und hat schon vieles erlebt. Rheinhochwasser, Beerdigungen, Gottesdienste, Konfirmandenunterricht oder auch den Neujahrsempfang der Stadt Oestrich-Winkel. Die Vakanzzeit in der Evangelischen Kirchengemeinde hat nun ein Ende. Seit dem 1. Januar wohnt Pfarrerin Dr. Juliane Schüz mit ihrem Mann Simon Schüz im Pfarrhaus gleich neben der Kirche in Mittelheim.

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Zusammen mit Pfarrerin Elke-Stern Tischleder ist das Pfarrteam nun wieder komplett. Zwar stehen noch unzählige Umzugskisten ungeöffnet im Keller, die Küche wird auch erst im März geliefert, aber die 32-jährige „fühlt sich schon gleich als Pfarrerin“, wie sie strahlend sagt. Das liegt vor allem daran, dass es zum Einen „gleich in die Vollen ging“ sowie an vielen „tollen Ankommens-Signalen“, sowohl seitens der Gemeinde als auch von der Stadt.

Von Berlin in den Rheingau
Die geborene Offenbacherin hat lange in Heusenstamm gewohnt und ist in einer christlichen Familie aufgewachsen und war früh in der Evangelischen Kirche aktiv. „Ich wollte schon immer etwas Sinnvolles tun“, erklärt sie ihre Berufswahl, hatte aber eher an Human- oder Tiermedizin gedacht. Erst im Auslandsjahr in Australien und Malaysia merkte sie, dass sie „irgendetwas mit Kirche und irgendetwas mit dem Reich Gottes“ machen wollte. Theologie studiert hat sie in Mainz, Princeton (New Jersey/USA) und Tübingen. Das letzte halbe Jahr vor ihrem Dienstantritt in Oestrich-Winkel war Juliane Schüz mit ihrem Mann in Berlin und arbeitete im so genannten Spezialvikariat im Stabsbereich des Präsidenten der Diakonie Deutschland Ulrich Lilie.

Begeisterung für den Pfarrberuf
„Theologie ist hochspannend“, erzählt sie und man spürt es ihr an. Es sprudelt förmlich aus Juliane Schüz heraus, wenn sie über das Studium, das Lesen und Beschäftigen mit biblischen und theologischen Texten erzählt. Es gäbe so viele wichtige Schätze in der Tradition, die es gelte zu übersetzen und ins Heute zu übertragen. In ihrer Doktorarbeit forschte sie zum Schweizer Theologen Karl Barth und untersuchte die Rolle und Gestalt des menschlichen Glaubens.
Ihr Vikariat absolvierte sie in der Lutherkirchengemeinde in Wiesbaden. „Das hat mir unheimlich viel Spaß gemacht“, so Schüz. „In dieser Zeit hat mich die Begeisterung für den Pfarrberuf und seine Vielfalt vollends ergriffen. In erster Linie begeistert mich die Fülle der Menschen und ihre verschiedenen Perspektiven, mit denen ich es zu tun habe“, schreibt sie im aktuellen Gemeindebrief. Vor allem den unmittelbaren Austausch genieße sie sehr. Der Kontakt in der Gemeinde sei viel konkreter und direkter, als beispielsweise wenn man eine Rezension schreibe. Und so sei sie auch nach so manchem zwölf-Stunden-Tag dennoch erfüllt und glücklich. „Ich stelle mich gerne schnell auf verschiedenen Gruppen ein, das ist das Schöne und zugleich auch die Herausforderung in dem Beruf“, betont Schüz.

Gemeinschaftsverbindender Gottesdienst
In der Gemeinde feiert sie gerne Gottesdienst, schätzt dort die spannende Verquickung von Wort, Verkündigung und Liturgie. „Gottesdienst hat etwas Gemeinschaftsverbindendes“, ist sie überzeugt. Egal mit wem man feiere. So verbinde auch ein Gottesdienst im Altenheim mit älteren und demenzkranken Menschen diese mit anderen Gottesdienstbesuchern. Diese Gemeinschaft, dieses Aufeinander-Achten sei etwas sehr Besonderes.
Man spürt der promovierten Theologin aber auch sehr ihre Liebe zum Akademischen an. „Das möchte ich nicht missen“, bestätigt Juliane Schüz, die auch deshalb im Vorstand des Evangelischen Bundes ist und jetzt im Februar mit führenden Theologen auf eine Art „Theologischen Think Tank“ fährt.

100 Tage Ankommen und Kennenlernen
Jetzt sei aber erst mal das Ankommen in der Gemeinden dran. Das hat sie mit ihrer Kollegin, Pfarrerin Elke Stern-Tischleder vereinbart. 100 Tage lang möchte sie Menschen und Kreise, Gruppen und Institutionen einfach erst mal kennenlernen. „Ich werde mir in den nächsten Wochen zudem sicherlich so 200 bis 300 Namen merken müssen“, sagt sie schmunzelnd. Nach den 100 Tagen wollen sie dann gemeinsam entscheiden, wo sie in der Gemeinde ihre Schwerpunkte legen wird.
Was sie mit Oestrich-Winkel auch verbindet ist die Liebe zum Wasser. So begann sie in Princeton mit dem Rudern im Achter und später im Frauen-Vierer auf dem Neckar in Tübingen. Auch Schwimmen und Segeln, sowie das Reiten sind Leidenschaften der neuen Pfarrerin von Oestrich-Winkel.
Das Wohnen im Pfarrhaus, zwischen Rhein, B42 und Eisenbahn und direkt neben der Kirche ist neu für das Ehepaar. Aber Juliane Schüz freut sich auch darauf. „Und wer weiß, vielleicht schaffe ich mir irgendwann dann doch einen Hund an, das war zumindest der Rat Ihrer Ausbildungspfarrerin“, erklärt die Pfarrerin strahlend.

Gott kennen, von Gott reden

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Probst Oliver Albrecht ordinierte die neue Pfarrerin Dr. Juliane Schüz

Mittelheim. (sf)

„Wir sollen von Gott reden, wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Das ist unsere Bedrängnis. Alles andere ist daneben Kinderspiel“, so hat Karl Barth als junger Pfarrer auf seiner ersten Pfarrstelle die Problemlage seines Amtes formuliert. Von Gott reden ist aber die Aufgabe, die mir eben mit der Ordination amtlich übertragen wurde. Die Aufgabe der Predigt, genauso wie die Verantwortung für Seelsorge und Unterricht – die drei Kernbereiche des Pfarrberufs“, sagte die neue evangelische Pfarrerin Dr.

Juliane Schüz in ihrer ersten Predigt in der Mittelheimer Kirche. Im Rahmen eines großen Festgottesdienstes, an dem auch zahlreiche Ehrengäste wie Landrat Frank Kilian, Bürgermeister Michel Heil und der katholische Pfarrer Peter Lauer teilnahmen, wurde die neue Mittelheimer Pfarrerin vergangenen Sonntag von Probst Oliver Albrecht ordiniert.

Die 32-Jährige, die in Offenbach geboren wurde und in Heusenstamm in einer christlichen Familie aufwuchs, war schon früh in der Evangelischen Kirche aktiv gewesen. „Ich wollte schon immer etwas Sinnvolles tun, hatte aber zunächst eher an Human- oder Tiermedizin gedacht“, erläuterte sie. Erst im Auslandsjahr in Australien und Malaysia habe sie sich für den Beruf in der Kirche entschieden. Sie studierte Theologie in Mainz, Princeton, (New Jersey/USA) und Tübingen. Das letzte halbe Jahr vor ihrem Dienstantritt in Oestrich-Winkel war Juliane Schüz mit ihrem Mann in Berlin und arbeitete im so genannten Spezialvikariat im Stabsbereich des Präsidenten der Diakonie Deutschland Ulrich Lilie. Juliane Schüz findet Theologie „hochspannend“ und liebt das Lesen und Beschäftigen mit biblischen und theologischen Texten: „Es gibt so viele wichtige Schätze in der Tradition, die es zu übersetzen gilt und ins Heute zu übertragen“. In ihrer Doktorarbeit forschte sie zum Schweizer Theologen Karl Barth und untersuchte die Rolle und Gestalt des menschlichen Glaubens. Ihr Vikariat absolvierte sie in der Lutherkirchengemeinde in Wiesbaden. In dieser Zeit habe sie die Begeisterung für den Pfarrberuf und seine Vielfalt vollends ergriffen. „In erster Linie begeistert mich die Fülle der Menschen und ihre verschiedenen Perspektiven, mit denen ich es zu tun habe“, schreibt sie auch im aktuellen Gemeindebrief der Kirchengemeinde Oestrich-Winkel. Vor allem den unmittelbaren Austausch genieße sie sehr. Der Kontakt in der Gemeinde sei viel konkreter und direkter, als beispielsweise wenn man eine Rezension schreibe.

Und so war die neue Pfarrerin dann am Sonntag auch ganz nah bei ihrer Gemeinde, begrüßte die Besucher zu Beginn gemeinsam mit ihrer Kollegin Elke Stern-Tischleder, Pfarrerin Ursula Kuhn, Probst Oliver Albrecht und Kirchenvorstand Dr. Heinz-Georg Bialonski. Und stand nach dem Gottesdienst beim Empfang im Gemeindesaal unter der Kirche für viele Gespräche bereit.

Doch zunächst waren die Zelebranten gemeinsam mit den Vertretern des Kirchenvorstandes feierlich in die Kirche eingezogen. Festlich umrahmt wurde der Ordinationsgottesdienst auch von den Sängern der neuen Rheingauer Kantorei unter der Leitung von Tassilo Schlenther, der auch die Orgel spielte.

Dr. Bialonski hatte den Gottesdienst eröffnet und die vielen Besucher herzlich begrüßt. Ihm folgte Pfarrerin Stern-Tischleder und der Chor. Mit dem Lied „Surely goodness an mercy“ von Svein Moller wurde vom Chor der Höhepunkt des Gottesdienstes, die Ordination durch Probst Oliver Albrecht eingeleitet. In der anschließenden Predigt ging Pfarrerin Dr. Schüz Jeremai 9, 22–23 ein: So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr“.

„Als Menschen haben wir unsere Schwierigkeiten, von Gott zu reden“, hielt Pfarrerin Dr. Schüz in ihrer Predigt dazu fest: „Gott ist und bleibt völlig anders als wir es mit unseren Fähigkeiten fassen können. Wir reden in menschlichen Bildern von ihm oder von ihr. Und wir müssen uns doch selbst immer wieder fragen, ob es nicht nur Projektionen sind, die wir für ,Gott' entwerfen, Projektionen unserer Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte, die wir dann ,Gott' nennen“. Verantwortlich von Gott reden sei für alle wahrlich kein „Kinderspiel“. „Und doch sollten wir es immer wieder versuchen. Immer wieder neu. So wie wir auch vom Propheten Jeremia auf unsere Aufgabe hingewiesen werden: Gott kennen, um von ihm reden zu können. Die neue Pfarrerin hielt fest, dass „Gott kennen und von Gott reden“ die Aufgabe sei, nicht nur als Pfarrerinnen und Pfarrer, sondern Oberhaupt als Christen. „Jeremia weist uns darauf hin: Im Kern geht es um Gotteskenntnis. Nicht um Weisheit, Reichtum und Starke. Im Zentrum steht das Gott-Kennen. Sich dessen zu rühmen, heißt: Daraus eine Stärke ziehen. Das in den Mittelpunkt stellen“.